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Im Zaubergarten am wilden Fluss

Wo die Natur noch macht, was sie will – Eine Wanderung am Isarufer auf den Spuren von Thomas Mann.

„Das ist kein Wald und kein Park, das ist ein Zaubergarten, nicht mehr und nicht weniger.“

Mit diesen Worten beschrieb Thomas Mann 1918 das verwilderte Biotop am rechten Isarufer zwischen Fluss und Herzogpark in seiner Novelle „Herr und Hund“. In unmittelbarer Nähe seiner Villa lag das „Jagdrevier“ vom leidenschaftlichen Spaziergänger Mann und seinem Hund Bauschan. Damals standen nur wenige andere Großbürgerhäuser am Rand dieser Wildnis, direkt an der Isar, die sich damals noch ihren Lauf in einem sich ständig veränderndem Flussbett suchen durfte.

Gezeigt hat mir diese Urwaldgegend mein Freund Hans, der mich bei der Begehung aufgeregt und immer wieder staunend wie ein kleiner Junge auf umgestürzte Baumriesen, blühendes Springkraut und wilde Farne in den breiteren Sumpfgebieten aufmerksam machte. Direkt unterhalb der Max-Joseph-Brücke in Bogenhausen, im Volksmund auch Tivolibrücke genannt, beginnt der Trampelpfad, mal schmal und nur geduckt unter tiefhängenden Ästen passierbar, mal breit und weit ausladend und von kleineren Rinnsalen durchschlängelt, zieht er sich rechts der Isar gut drei Kilometer lang in Richtung Norden bis zum Isarwehr Oberföhring hin.

Erstmal ist man erstaunt, dass man auf Sand läuft. Feiner grauer Sand gemischt mit lehmigem Boden. Vermutlich entstanden durch die heftigen Überschwemmungen der Isar in früheren Jahren. Es ist ein überaus angenehmes Gehen, weil der Boden stets leicht nachgibt und so die Schritte abfedert. Alles ringsherum erweckt den Eindruck, das sich hier seit den fast einhundert Jahren von 1918 bis heute, nicht sonderlich viel verändert hat.

„Diese Landschaft ist mein Park und meine Einsamkeit; meine Gedanken und meine Träume sind mit ihren Bildern vermischt und verwachsen, wie das Laub ihrer Schlingpflanzen mit dem ihrer Bäume.“

Durch das hohe Blätterdach fallen vereinzelte Sonnenstrahlen und ergeben auf dem Boden und auf den spiegelnden Quellen, die aus dem Hang kommen ein reizvolles Licht- und Schattenspiel. Mal ist der Weg nur so breit wie ein Handtuch, dann wieder weitet er sich und geht in eine breitflächige Sumpflandschaft über. Nach einigen Metern gelangt man an einen kleinen Strand an dem der dunkelgrüne Fluss lautlos vorüberzieht und ich habe das Gefühl in einem tropischen Urwald zu wandeln. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, denn die mächtigen Ureinwohner dieser Gegend – Buchen, Eschen und Ahorn – bleiben nach ihrem Umstürzen einfach kreuz und quer liegen. Allerlei Ziergesträuch darf wuchern wie es will. Hier bleibt das meiste so, wie es wächst und vergeht und vom Fluss und vom Wetter geformt und verändert wird. Gut so.

Alles breitet sich anmutig vor einem aus und strahlt in einer majestätische Stille. Es duftet nach Lehm, feuchtem Laub und auch nach Fluss. Die Luft ist herrlich frisch und der Verkehrslärm dringt nur noch als entferntes Rauschen zu mir durch. Ehrfürchtig suche ich mir meinen Weg, steige über quer am Boden liegende große Äste und springe ab und zu über winzige Bächlein, welche die Isar ein Stückchen begleiten, bevor sie in ihr aufgehen. Unwillkürlich werde ich zum Entdecker, zum Forschungsreisenden, halte inne, betrachte einen von Efeu umrankten Ahornstamm oder beuge mich fasziniert über winzige sternförmige Wasserpflanzen. Ich bin Robinson und das ist meine Insel, die es zu entdecken gilt.

„Höchstens, dass uns da drinnen im Busche ein gelagertes Liebespaar aufstößt, welches mit kecken und scheuen Tieraugen uns aus seinem Neste entgegenblickt ...“

In einiger Entfernung taucht im Dickicht ein junges Pärchen auf, welches zärtlich Küsse austauscht. Was für ein herrlicher Ort für diese Art der Beschäftigung. Ich nähere mich behutsam um nicht zu stören, mache ein paar Bilder vom bereits herbstgefärbtem Laub auf dem Boden und schleiche dann unbemerkt an den beiden vorüber. Plötzlich stehe ich vor einem Baumriesen, der in flachem Winkel ein paar Meter über die Isar ragt. Mit Seilen und Holzlatten wurde eine gemütlich aussehende Liegefläche direkt in der Astgabelung des Baumes befestigt. „Das Baumhaus haben Schüler gebaut,“ höre ich eine Stimme hinter mir. Eine Frau und ihr zutraulicher Hund sind hier auf Gassi-Tour. Ansonsten sollten mir auf der ganzen Strecke nur noch zwei Mountainbiker und drei Jogger begegnen. Man vergisst dabei leicht, das man sich inmitten einer Millionenstadt befindet.

Nach rund 1,2 Kilometern wird der Weg kurz durch den Brückenpfeiler und den Unterbau der John.-F.-Kennedy-Brücke unterbrochen. Als Kontrastprogramm gibt es nun bunte Graffitis zu bestaunen. Auch schön.

„... verschwiegene Orte, deren feuchter Kühle, der heißeste Sommertag nichts anhaben kann, und wo man an solchen Tagen gern ein paar Minuten atmend verweilt.“

Weiter geht es durch den Urwald. Ungefähr auf Höhe der Hirschau, die am anderen Isarufer liegt, ist der richtige Platz und die richtige Zeit für eine Erfrischung: eine Flasche Edelstoff. Da es inzwischen trotz Baumkronenschutz ganz schön warm geworden ist, setze ich mich ans Ufer und labe mich an meinem mitgebrachten Lieblingsbier, denn auf der ganzen Strecke gibt es weder ein Gasthaus noch einen Kiosk, nicht mal in der Nähe der Strecke. Gott sei Dank!

Schon erblicke ich das 1924 erbaute Isarwehr Oberföhring. An dieser Stelle befand sich 1918 noch ein Fährmann, der seine Passagiere mit Hilfe der Strömung und einem über den Fluss gespannten Drahtseil ans andere Ufer beförderte. Thomas Mann saß gerne auf der Bank im kleinen Gärtchen der Fährmann-Villa und betrachtete umringt von freilaufenden Hühnern, das dargebotene Transportgeschehen.

Man könnte jetzt über das Wehr auf die andere Seite gelangen und an der gegenüberliegenden Uferseite zurückgehen. Ich entscheide mich aber dafür, noch etwas im Zaubergarten zu verweilen und den Pfad in umgekehrter Richtung zurück zum Ausgangspunkt zu wandern. Auf dem Rückweg lasse ich mich nochmal von der ganzen Schönheit dieser Wildnis beeindrucken und fühle eine angenehme Leere und Leichtigkeit in mir.

„Man blickt zum Himmel empor, man blickt in die Tiefen des zierlichen und weichen Blätterschlages, die Nerven beruhigen sich und Ernst und Stille kehren in das Gemüt zurück.“

Als ich fast in Sichtweite der Tivolibrücke bin, wird der Verkehrslärm schon wieder deutlicher hörbar. Zwei schnellvergangene Stunden war ich jetzt unterwegs in einem anderen Kontinent – in einer anderen Welt. Bezaubert und erfrischt setze ich mich noch ein paar Minuten auf eine freie Bank auf dem Grünstreifen an der Mauerkircherstraße und empfinde Dankbarkeit dieser unberührten Natur gegenüber, die soviel Kraft zu schenken vermag. Dankbar bin ich auch dem Hans, weil er mich mitgenommen hat um mir den Zaubergarten am wilden Fluss zu zeigen.

Ganz behutsam reihe ich mich nun wieder in den Strom der eilenden Fußgänger und der hektischen Auto- und Radfahrer in der Montgelasstraße ein und mache mich entspannt auf meinen Heimweg.

Axel Ganguin

 

Der drei Kilometer lange Trampelpfad am rechten Isarufer zwischen Max-Joseph-Brücke und dem Isarwehr Oberföhring ist, außer bei Hochwasser, täglich 24 Stunden geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Zitate aus: Thomas Mann, Herr und Hund – Ein Idyll
Fischer Taschenbuch Verlag

Mit dem MVV: Tram 18, Bus 54, 154, 187
Haltestelle Mauerkircherstraße