deen

france italy spain russian emirates japanese chinese portugese 

Die Münchner Schachakademie

Der Leiter der Münchner Schachakademie, Stefan Kindermann, im Interview mit onesprime.de.

Das etwas andere Fitnessstudio: An der Münchner Schachakademie am Isartor werden Spaß am Spiel, Gehirnjogging und die Lust am logischen Denken trainiert. Der Gründer und Leiter, Stefan Kindermann, weiß nicht nur alles über das königliche Spiel, er darf sich sogar Großmeister nennen. Von dieser seltenen Spezies gibt es gerade mal 900 auf der Welt. Eine Gesprächspartie in 16 Zügen.

onesprime.de: Herr Kindermann, haben Schachspieler mehr vom Leben als andere?

Stefan Kindermann: So pauschal würde ich das nicht behaupten. Aber es gibt viele Situationen, in denen Menschen, die Schach spielen, tatsächlich gegenüber den Nicht-Spielern im Vorteil sind.

onesprime.de: Nennen Sie mal einige, bitte.

Stefan Kindermann: Zum Beispiel wichtige berufliche oder private Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Da ist jemand, der sich mit Schach auskennt, weniger anfällig für Fehlentscheidungen als derjenige, der sich nur auf sein Gefühl verlässt.

onesprime.de: Das müssen Sie näher erklären.

SK: Entschuldigen Sie, als guter Schachspieler würde ich diese Partie gerne richtig eröffnen. Sie sind ja schon mittendrin...

onesprime.de: Stimmt, fangen wir an mit der Gründung der Münchner Schachakademie. Wie kam es dazu?

Stefan Kindermann: Das war vor sechs Jahren. Mit Freunden und Kollegen entstand die Idee, hier in München eine hochkarätige Schachschule anzubieten. Das hatte es bis dato noch nicht gegeben. Eine Schule, großzügig aufgezogen, wo man gern hingeht und auch gern seine Kinder hinschickt.

onesprime.de: Brauchte es da nicht Startkapital?

Stefan Kindermann: Ohne Unterstützung unseres Gesellschafters, des Immobilienkaufmannes Roman Krulich, wäre der Start nicht möglich gewesen. Er hat ein Herz für Schach, ist selber ein guter Spieler und war von Anfang an begeistert. Zwei weitere Mitgründer möchte ich nennen: Großmeister Gerald Hertneck und Nationalspielerin Dijana Dengler.

onesprime.de: Wie definieren Sie Ziel und Arbeit der Akademie?

Stefan Kindermann: Wir überzeugen mit einem ausgefeilten Lehrplan und eigener Didaktik. Es geht uns nicht so sehr darum, möglichst gute Schachspieler heranzuzüchten, sondern zu vermitteln, was im Schach drinsteckt: Denkstrategien, Konzentrationsfähigkeit, all das, was sich in andere Bereiche transportieren lässt. Im Grunde sehen wir uns als eine Art Bildungseinrichtung. Wir sind vier Gesellschafter und haben zwischen zehn und fünfzehn Trainer. Im Angebot sind die verschiedensten Formate von Kursen und Unterrichtsstunden für alle Kenntnisstufen und Altersgruppen. Auch Turniere werden gespielt. In den sechs Jahren sind bei uns schon viele tausend Teilnehmer durchmarschiert.

onesprime.de: Mit welchen Argumenten melden sich Einsteiger bei Ihnen an?

Stefan Kindermann: Sehr unterschiedlich. Eltern, die ihre Kinder anmelden, sind überzeugt, dass Schach ihnen etwas fürs Leben bringt: Konzentration, logisches Denken, Fantasie. Für sich selbst nennen viele den „Gehirnjogging“-Effekt. Manche wollen auch den sozialen Kontakt. Eine 82jährige Dame sagte, es sei immer schon ihr Lebenstraum gewesen, Schach zu lernen, aber sie habe bisher einfach keine Zeit gehabt. Was auch häufig von älteren Menschen thematisiert wird, ist Schach als Alzheimer-Prophylaxe.

onesprime.de: Eine Erwachsenen-Basis-Stunde kostet bei Ihnen etwa zehn Euro, ein sich über vier Ferientage erstreckender 16-Stunden-Kurs für Kids um die 150 Euro. Das sind zwar faire Preise, gemessen an dem hohen Niveau, das Sie bieten, gleichwohl nicht für jedermann erschwinglich. Besteht da nicht die Gefahr, dass Schach ein elitäres Vergnügen bleibt?

Stefan Kindermann: Aus eben diesem Grund sind wir noch einen Schritt weitergegangen und haben – wieder mit Roman Krulich, als Stiftungsgründer – die Münchner Schachstiftung ins Leben gerufen. Im Vorstand sind auch Gerald Hertneck und Dijana Dengler dabei, letztere als Cheftrainerin und Vorsitzende. Die Stiftung funktioniert in erster Linie mit Spendengeldern. Wir gehen in die Schulen – vorwiegend Grundschulen, aber auch Hauptschulen –, wo Schach dann richtig in die Stundenpläne integriert wird. Inzwischen haben wir das „königliche Spiel“ schon 600 Kindern aus den sogenannten „sozialen Brennpunkten“ nahe gebracht; darauf sind wir sehr stolz.

onesprime.de: Sie sprachen von der eigenen Didaktik. Wie führen Sie Kinder an das Thema Schach heran?

Stefan Kindermann: Wir haben da zum Beispiel das sogenannte „Schachyoga“ entwickelt. Da spielen die Kinder, als Schauspieler gewissermaßen, mit verteilten Rollen die Schachfiguren mit deren verschiedenen Eigenschaften durch: groß wie der König, schräg wie der Läufer, krumm wie der Springer, klein wie der Bauer.

onesprime.de: Wie ist das mit der Konzentration bei Kindern? Die fummeln doch sicher dauernd an ihren Handys herum...

Stefan Kindermann: Wenn sie erstmal drin sind im Spiel, sind sie total fasziniert und konzentriert. Natürlich müssen Mobiltelefone ausgeschaltet sein. Wenn’s bei einem doch mal klingelt, hat er die Partie automatisch verloren. Das wirkt.

onesprime.de: Nicht nur in die Schulen gehen Sie, sondern auch in die Unternehmen, zu den Führungskräften. Erzählen Sie uns von Ihrem Projekt „Königsplan“!

Stefan Kindermann: Ein altes Lieblingsprojekt von mir. Es beschäftigt mich schon lange. Es wäre doch eigentlich schade, so meine Überlegung, wenn diese Denkstrategien, die in den 1.500 Jahren, seitdem Schach gespielt wird, immer wieder verfeinert werden – wenn diese Strategien auf die 64 Felder des Schachbretts beschränkt blieben. Man kann sie doch vielmehr für jede Form von Planung und Entscheidungsfindung benutzen. Damit sind wir wieder beim Anfang unseres Gespräches.

onesprime.de: Wie vermitteln Sie diesen Ansatz?

Stefan Kindermann: Frau Dengler und ich tun das mit Vorträgen vor Führungskräften, im Top-Management, mit Kunden-Events, Seminaren und Incentive-Veranstaltungen.

onesprime.de: Welche Wünsche und Bedürfnisse haben Ihre Kunden?

Stefan Kindermann: Ganz verschieden.Manche Firmen wollen ein neues Produkt entwickeln und dabei geordnet vorgehen, manche ein Investorengespräch vorbereiten. Manche verlangen nach einem wirksamen Instrument für Planungsaufgaben, manche wollen einen strategischen Leitfaden für Führungskräfte.

onesprime.de: Und der Schachstratege weist ihnen den Weg?

Stefan Kindermann: Wenn Sie so wollen, ja. Es ist doch so: Jeder Zug im Schach ist eine Entscheidung in einem sehr komplexen Umfeld, und häufig – zum Beispiel bei Turnieren – erfolgt er auch noch unter Zeitdruck und Stress. Das ist genau die spiegelbildliche Situation zu den Entscheidungsebenen in großen Unternehmen oder Behörden. Und die spannende Frage ist immer dieselbe: Wie komme ich zu den Lösungen.

onesprime.de: Ist eine effiziente Problemlösung immer vernunft-orientiert?

Stefan Kindermann: Nicht nur. Man lernt in diesen Seminaren auch: Wie kann ich meine Intuition einsetzen, wie bringe ich sie mit der Ratio zusammen.

onesprime.de: Um noch einmal auf die Kinder zurückzukommen: Lässt sich denen dieser denkstrategische Ansatz vom „Königsplan“ auch schon vermitteln?

Stefan Kindermann: Absolut.Zum Beispiel bei der Fragestellung, wie packe ich eine Textaufgabe an? Oder nehmen Sie einen Konflikt auf dem Schulhof. Da kann man als betroffenes Kind entweder wegrennen oder selber zuschlagen – oder aber im Sinne des „Königsplans“ sich überlegen: Was mache ich jetzt als nächsten Zug, was macht mein Gegenüber? Wie sieht die Welt aus seiner Sicht aus? Das mag banal klingen, ist aber hochwirksam. Die meisten Konflikte auf der Welt lassen sich so lösen. Der Schachspieler ist immer im Vorteil. Weil er voraus denkt.

Stefan Kindermann spielt seit 25 Jahren als Schachprofi

Stefan Kindermann, 52, gebürtiger Wiener, machte in München Abitur, studierte Philosophie und spielte 25 Jahre als Schachprofi große internationale Turniere. In der deutschen Rangliste belegte er Platz 3, in der internationalen Wertung Platz 70. Als langjähriger Bundesligaspieler errang er mit Bayern München neunmal die Deutsche Meisterschaft. 1988 erhielt er den Großmeister-Titel. Seit 2005 spielt er für den österreichischen Verband. Seit Februar 2006 leitet er die Schachakademie an der Zweibrückenstraße 8. Er ist Schachkolumnist bei der Süddeutschen Zeitung und Autor mehrerer Bücher, darunter „Schach für junge Einsteiger“ (Knesebeck, 2006, mit Zeichnungen von Anne Franke) und „Der Königsplan – Strategien für Ihren Erfolg“ (Rowohlt, 2010 mit Co-Autor Robert K. von Weizsäcker). Zurzeit schreibt er an einem Jugendroman über „eine Art Harry Potter der Schachwelt“.

Hier geht es zur Website der Schachakademie: www.mucschach.de

Adresse: Zweibrückenstraße 8, 80331 München

Telefon: 089/ 95 89 43 30

Interview: Andreas Odenwald