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Eine Liebe in Kitzbühel

Eine Liebesgeschichte in Kitzbühel zwischen Romy Schneider und Oswalt Kolle.

Wo heute das Hotel Kitzhof steht, befand sich früher der Hirzinger Hof. Hier spielte sich 1964 eine zauberhafte Liebesgeschichte ab, von der Öffentlichkeit, die allen Anlass gehabt hätte, sich dafür zu interessieren, völlig unbemerkt. Die Protagonisten: Filmstar Romy Schneider, damals 25, und der zehn Jahre ältere Journalist Oswalt Kolle, der später als Sexualaufklärer der Nation berühmt werden sollte.

Als die Geschichte mit 44-jähriger Verspätung ans Licht kam, wurde sie von einigen selbsternannten Romy-Schneider-Experten heftig angezweifelt. Der Schreiber dieser Zeilen aber verbürgt sich für ihren Wahrheitsgehalt. Er hat 2007 und 2008 mit Kolle an dessen Memoiren („Ich bin so frei“, Rowohlt-Berlin) gearbeitet und dazu auch die Briefe der beiden Verliebten eingesehen, die sie während ihrer Affäre und nach der Trennung austauschten. Romy Schneider starb 1982 in Paris, Oswalt Kolle 2010 in Amsterdam.

Romy Schneider: In Deutschland eine Landesverräterin

Romy Schneider wurde Anfang der 60er-Jahre von der deutschen Presse schlecht behandelt. In den drei „Sissi“-Filmen hatte sie sich als junge österreichische Kaiserin Elisabeth in die Herzen der Deutschen gespielt, aber als sie dann nach Frankreich ging, galt sie als eine Art Landesverräterin. Ihre filmischen Ambitionen im Land der großen Regisseure wurden mit Skepsis kommentiert, von ihrer Liebe zum französischen „Beau“ Alain Delon ganz zu schweigen. Als die Geschichte mit ihm zu Ende war, was er ihr auf dem Umweg über ein Zeitungsinterview mitgeteilt hatte („Chérie, es ist aus“), wurde sie als „Sitzengelassene“ bemitleidet und mit Häme und Spott überhäuft.

In dieser Situation bot der erfolgreiche Illustriertenschreiber Oswalt Kolle ihr eine Serie in der „Quick“ an. Hier sollte Romy erzählen dürfen, was ihr auf dem Herzen lag, und die Gelegenheit bekommen, verletzende Unwahrheiten aus dem Wege zu räumen. Um zwei, drei Wochen ungestört an dieser Serie arbeiten zu können, schlug Kolle Kitzbühel vor. Die 25jährige Romy griff begeistert zu, reiste aus Paris an, reservierte zwei Einzelzimmer im Hirzinger Hof. Ein paar Tage nach ihr traf Oswalt Kolle ein.

"Nicht einmal Romys Mutter wusste es"

„Ich erlebte“, erinnert er sich in der Biografie, „das fröhliche österreichische Mädel Romy, nicht den großen Star. Sie liebte es, sich so geben zu können, wie sie war, dass niemand sie auf Schritt und Tritt beobachtete, keine Presseleute weit und breit, keine Autogrammjäger. Die Wirtsleute und die Angestellten schlossen sie sofort ins Herz, stellten keine lästigen Fragen. Nie und nimmer wäre auch nur einer von ihnen auf die Idee gekommen, bei einer Zeitung anzurufen und sich damit zu brüsten, dass die große Romy Schneider bei ihnen wohnt. Wir waren völlig inkognito, hatten niemand von dem Projekt erzählt. Ich glaube, nicht einmal Romys Mutter wusste es.

Nachmittags gingen wir zum Skifahren. Ich sehe sie noch mit ihrer Mütze, die sie sich tief in die Stirn zog, während sie mit dem glücklichsten Gesichtsausdruck der Welt und gleichzeitig hochkonzentriert den Abhang hinuntersauste. Abends saßen wir mit dem Skilehrer Karl Koller, seiner Frau und ihrem Sohn Karli, der ein großer erfolgreicher Abfahrtsläufer war, in der Bar, aßen Tellergulasch, tranken viel Wein und waren guter Laune. Danach ging jeder brav in sein Zimmer. Zum Frühstück sahen wir uns wieder, und dann wurde gearbeitet. Meistens in der Bar vom Hirzinger Hof, in der wir zu dieser Tageszeit unsere Ruhe hatten.“

Dann der Abend, an dem sich alles veränderte.

Nach getaner Arbeit schlenderten die beiden durch Kitzbühel, tranken einen Kaffee, schauten in die Auslagen der Geschäfte. Das waren dann Momente, wo sich die kleine schutzbedürftige Romy aus heiterem Himmel in den großen Filmstar verwandelte. Plötzlich war sie die Chefin mit viel Geld und der Journalist einer aus ihrem Hofstaat, der eine Belohnung verdient hatte. Dann wollte sie ihm ein goldenes Feuerzeug oder eine Rolex schenken – was er jedesmal entrüstet ablehnte. Dann der Abend, an dem sich alles veränderte. Er brachte Romy zu ihrem Zimmer, gab ihr wie immer einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange, da legte sie die Arme um seinen Hals und sagte: „Du riechst so gut, wo wohnst du?“ „Ich war nicht einmal besonders überrascht“, erinnerte sich Kolle, „ich glaube, wir beide hatten es kommen sehen. Die erotische Spannung zwischen uns war mit den Händen zu greifen. Von dem Tag an verbrachten wir keine Nacht mehr getrennt. Wir beide waren rasend verliebt. Es war die ganz große Leidenschaft. Wir ließen nicht mehr voneinander.“

Doch tagsüber, wenn sie, jetzt Hand in Hand, durch Kitzbühel spazierten (dabei hatte er ihr einmal sogar erlaubt, ihm etwas zu kaufen: eine Skihose), kamen die ersten Bedenken: „Wie wollen wir das in Zukunft leben?“, fragte sie ihn zweifelnd. Sie ständig auf Dreharbeiten, er auch dauernd unterwegs – und dazu noch verheiratet und Familienvater. Die Schwierigkeiten, die unweigerlich auftreten würden, wenn sie das Paradies in den österreichischen Bergen verlassen mussten, nahmen Kontur an. Dann war es so weit. Die Arbeit war getan, sie ging zurück nach Frankreich, Kolle nach München. „Wie im Rausch“ schrieb er die ersten drei Kapitel ihrer Geschichte, flog nach Paris, um sie ihr vorzulegen.

„Wenn sie dir wirklich so viel bedeutet, musst du zu ihr gehen."

Sie fielen sich in die Arme, und doch war etwas anders. In Paris war Romy Schneider wieder der von allen umschwärmte Star. Sie hatte Unmengen Termine zu absolvieren, Empfänge, Premieren, Partys. Er trottete mehr oder weniger hinter ihr her, wurde, wenn überhaupt, als Randfigur wahrgenommen. Diese Romy Schneider war nicht mehr das Mädel von Kitzbühel, sondern ein Weltstar, der Männer nur als Anhang duldet.

Trotzdem, als er wieder zuhause war, am Starnberger See, übermannte ihn erneut die Sehnsucht. Er wollte wieder nach Paris – und beichtete seiner Frau Marlies, was bisher vorgefallen war. Mit den denkwürdigen Worten „Lieber will ich einen glücklichen Vater für unsere Kinder als einen unglücklichen Ehemann“ gab sie ihn frei und fügte hinzu: „Wenn sie dir wirklich so viel bedeutet, musst du zu ihr gehen. Sofort.“ Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied. Kolle: „Ich fuhr nach Riem, zum Flughafen, kaufte bei der Air France ein Ticket nach Paris, setzte mich in die Wartehalle. Halbe Stunde noch bis zum Einsteigen. Ich war wie in Trance. Doch dann erwachte ich.

Vor meinem Auge tauchte nicht die Romy auf, nach der ich mich so verzehrte, sondern der Weltstar, der mir goldene Uhren schenken will. In dessen Hofstaat ich mich künftig einzureihen hätte. Neben dem ich aufhören würde, ein eigenständiges Leben zu führen. Ich stand auf und zerriss das Flugticket. “Eine Stunde später stand er wieder vor seiner Tür. „Ich wusste es“, sagte seine Frau. Und Romy? „Wir zogen keinen dramatischen Schlussstrich und führten auch keine großen Diskussionen“, erzählte Oswalt Kolle, „es war so schön gewesen wie ein Traum, und nun war dieser Traum zu Ende. Wir waren wieder Freunde.“

Freunde mit einem gemeinsamen Geheimnis namens Kitzbühel.

Andreas Odenwald