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"Brief von Sylt" an die Münchner

BRIEF VON SYLT

 

Liebe Münchner Freunde,

grüß euch aus dem hohen Norden. Die Insel war bekanntlich fast zwei Monate abgeschaltet, aber inzwischen entfaltet sie fast schon wieder alten Charme und alte Gastlichkeit. Mit Abstand natürlich, wenn Ihr wisst, was ich meine. 

Ich will euch aber jetzt nicht mit den neuesten Corona-Maßnahmen und -Episoden nerven. Die Vorschriften sind auf Sylt genauso einschneidend wie andernorts. Nicht alle halten sich daran. Es gibt, wie in Bayern auch, die Übervorsichtigen und die Unvorsichtigen. Manche Gäste meckern und sind irgendwie dauernd beleidigt, die meisten aber nehmen die Dinge, wie sie nun mal sind, genießen Sonne und Spaziergänge, reihen sich vor den Lokalen willig in die Warteschlangen ein. Und mit fortschreitender Erwärmung der nördlichen Halbkugel springen nun auch immer mehr Leute ins Meer.

Nein, was ich zur Sprache bringen will, ist ein Trend, den ich noch vor zehn, fünfzehn Jahren für undenkbar gehalten hätte: Langsam und von der Weltöffentlichkeit noch unbemerkt hat Sylt sich zur Lieblingsinsel der Bayern gemausert. Und wenn ich sage Bayern, dann sind da auch durchaus Oberpfälzer, Niederbayern und Franken mit gemeint – aber die überwältigende Mehrheit bilden die Münchner.

Man sieht das an den Autokennzeichen, man hört es von Hoteliers und Privatvermietern, man vernimmt die vertraute Mundart im Supermarkt, im Bistro am Hafen, aus dem benachbarten Strandkorb.

Neulich sah ich am Strand von Rantum ein Pärchen, das mir bekannt vorkam. Als dann ihr frecher, kleiner Terrier aufgeregt an den beiden hochsprang, stolz, weil er soeben an die zwanzig Möwen aufgescheucht und vertrieben hatte, fiel es mir wieder ein: Wir kennen uns flüchtig aus dem Englischen Garten.

Früher – lange her –, da hatten viele Münchner die aberwitzigsten Vorstellungen von der Insel. Sie schauten einen mitleidig an, wenn man von ihr schwärmte. Ich werde nie vergessen, wie ich – vor vielleicht zwanzig Jahren – auf einer Vernissage in München einer reizenden älteren Dame auf ihre Frage nach meiner Heimat und Herkunft antwortete: „eine Insel namens Sylt“. Hätte ich gesagt, ich komme aus dem hinteren Ural, wäre ihr Erstaunen kaum größer gewesen. Ab sofort galt ich bei ihr als Exote. Sie kam ganz nah an mich heran, schaute vorsichtig über ihre Schulter, ob da auch ja niemand mithört, und fragte verschämt: „Mei, Herr Odenwald, stimmt das eigentlich, dass die da oben alle nackert rumlaufen?“. Sylt, das war für sie FKK. Und FKK, so stellte sie sich das vor, wird dort eben nicht nur in bestimmten Strandabschnitten, sondern sogar auf der Straße praktiziert.

Klar, man traf damals auch schon Münchner, deren Kenntnisse etwas weiter reichten. Die feinen Leute von Bogenhausen und Grünwald zum Beispiel – da gab  es ganz Wagemutige, die auf Sylt sogar Ferien machten, vorwiegend in Kampen. Doch wenn man sich dann hinterher mit ihnen unterhielt, wirkten sie immer irgendwie angefressen und grantelten: erstens, dass es keine Garantie auf schönes Wetter gibt. (Man kann ja auch wirklich Pech und zwei Wochen Regen haben, aber eben auch Glück und vier Wochen Sonne.) Ein weiterer Kritikpunkt, auch immer gerne vorgebracht: die umständliche Anreise.

Es war die Zeit, als man bei Münchner Sylt-Urlaubern oft einen gewissen Inselfrust spürte, weshalb sich viele dann später eher nach Mallorca orientierten oder nach noch südlicher gelegenen Reisezielen umschauten. 

Nun aber, anno 2020, sitzt man im Flieger von München nach Westerland (Flugzeit: knappe anderthalb Stunden), sieht in lauter glückliche Augen und wird Zeuge einer großen kollektiven Vorfreude. (Die auch an Bord obligatorische Gesichtsmaske gibt ja kaum mehr frei als eben die Augen, und wenn sie auch den Mund bedeckt, so kann sie doch nicht das freie Wort unterbinden. Es kommt zwar alles ein bisschen gedämpft rüber, aber das tut der aufgekratzten Stimmung keinen Abbruch.)

Neben mir unterhält sich ein Ehepaar aus dem Lehel, das eine Ferienwohnung im Ort Morsum besitzt, halblaut darüber, ob wohl die Putzfrau inzwischen dagewesen ist. Eine Reihe vor uns lärmt eine lebensfrohe Surfer-Clique aus Landshut. Jenseits des Ganges, auf zwei Reihen verteilt, fiebert eine Familie aus Solln der Landung entgegen.

Woher ich das weiß mit Solln? Weil ich sie ein paar Tage später in meiner Lieblingsstrandbar wieder treffe, der „Austernperle“ am Lister Oststrand. Die Erwachsenen auf der Terrasse, vor sich ein Bottich Miesmuscheln und das Fläschchen Sancerre, die Kinder toben unten im Sand herum. Wolkenloser Himmel, Abendsonne. Das Wattenmeer hundert Meter zurückgezogen,

in der Ferne, jenseits der Bucht, sind der Leuchtturm von Kampen und die Kirche von Keitum zu sehen. 

Wir kommen ins Gespräch, die Familie aus Solln und ich. Ich erfahre zu meiner großen Verblüffung, dass es in Solln so viele Syltliebhaber gibt wie sonst nirgendwo im Großraum München. Warum und wieso, man weiß es nicht. Es ist einfach so. Sie kommen schon seit Jahren, manche seit Jahrzehnten auf die Insel und in Solln wohnen sie teilweise Haus an Haus. An den langen Winterabenden treffen sie sich und tauschen Erinnerungen und Erfahrungen aus. Der Sollner, sagen sie und darauf sind sie schon ein bisschen stolz, hat in seinem Erbgut ein Sylt-Gen.

Und ich dachte immer, ich weiß alles über Sylt. Aber das kannte ich noch nicht, das Sylt-Gen der Sollner. Einfach entzückend!

Macht’s gut. Man sieht sich.

Herzliche Grüße, Euer Andreas Odenwald.

 

Im Juli 2020

 

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